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Eine „persönliche Lebensgeschichte“ führt nach Aachen

Vom Reitkind zur WM-Starterin: Für Julia Mitterhuemer geht mit der Qualifikation für die FEI World Championships im Rahmen der Multi-WM in Aachen (11. bis 23. August) ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Die 32-jährige Steirerin aus St. Marein bei Graz wird Österreich gemeinsam mit Paralympics-Aushängeschild Pepo Puch, Urgestein Thomas Haller und Julia Sciancalepore in der Para-Dressur vertreten. Besonders bemerkenswert: Ihre Sportpartnerin Showgirl 4 stammt aus eigener Zucht – gemeinsam haben sich die beiden innerhalb kürzester Zeit bis in die internationale Spitze gekämpft.


Dass Julia Mitterhuemer (Grade IV) heute zu den besten Para-Dressurreiter:innen Österreichs zählt, war keineswegs vorgezeichnet. Eigentlich begann alles mit einem Zufall: Als ihre Familie umzog, meldeten ihre Eltern sie im Alter von vier Jahren in einem nahegelegenen Reitstall an. Was als Freizeitbeschäftigung gedacht war und ihr dabei helfen sollte, andere Kinder kennenzulernen, entwickelte sich schnell zur großen Leidenschaft. „Irgendwie bin ich von dort nie mehr weggekommen. Bis ich 18 Jahre alt war, war ich sicher fünfmal pro Woche im Stall. Dort habe ich unglaublich viel gelernt – nicht nur über das Reiten, sondern auch über die Zucht und die Ausbildung von Pferden.“

Schon früh faszinierte sie, wie viel Kraft und zugleich Sensibilität in Pferden steckt. „Sie sind so viel stärker als wir und trotzdem unglaublich feinfühlig. Pferde spüren jede Stimmung und oft schon aus der Entfernung, wie es einem gerade geht. Egal, ob ich Stress in der Schule, bei der Arbeit oder später durch meine Krankheit hatte: Sie waren immer für mich da.“

Später erfüllte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann den Traum vom eigenen Stall. Heute betreibt das Paar einen Ausbildungs- und Zuchtbetrieb mit rund 30 Pferden. „Schon als Kind habe ich gesehen, wie Pferde gezüchtet und ausgebildet werden, und mir gedacht: Irgendwann möchte ich das selbst machen. Dass mich einmal ein selbst gezüchtetes Pferd bis zu einer Weltmeisterschaft tragen würde, hätte ich mir damals aber niemals vorstellen können.“

MS veränderte alles – und eröffnete einen neuen Weg

Der große Wendepunkt kam mit der Diagnose Multiple Sklerose. Plötzlich war vieles nicht mehr selbstverständlich. Zeitweise konnte Mitterhuemer kaum noch reiten, auch psychisch war die Situation eine enorme Belastung. Doch anstatt aufzugeben, suchte sie neue Wege. Die Pferdezucht rückte stärker in den Mittelpunkt – und schließlich öffnete sich auch die Tür zum Para-Sport. „Es gab Zeiten, in denen wir rund 30 Pferde zu Hause hatten und ich selbst kaum etwas machen konnte. Das war unglaublich schwer. Gleichzeitig haben mir die Pferde aber immer wieder einen Grund gegeben, hinauszugehen, weiterzumachen und neue Ziele zu finden“, sagt die Steirerin und ergänzt: „Egal wie es mir geht – wenn ich zu meinen Pferden komme, spüren sie das sofort. Sie geben mir unglaublich viel Kraft und holen mich immer wieder zurück. Diese Verbindung ist etwas ganz Besonderes und bedeutet mir unendlich viel.“

Gemeinsam mit ihrer siebenjährigen AWÖ-Stute Showgirl 4 wagte sie 2025 den Schritt in den internationalen Para-Sport. Anfangs war noch völlig offen, wohin diese Reise führen würde. Nach ersten Gesprächen und einem Training bei Christa Walter nahm die Entwicklung jedoch rasch Fahrt auf. Bei ihrem ersten internationalen Turnier in Stadl-Paura 2026 feierte das Duo einen Sieg – der Startschuss für einen beeindruckenden Aufstieg. „Wir haben uns gedacht: Was können wir verlieren? Dann sind wir nach dieser langen Turnierpause mit einem selbst gezüchteten Pferd zu unserem ersten internationalen Turnier gefahren – und haben gleich gewonnen. Das war einfach Wahnsinn.“

Mit dem Herzenspferd auf die größte Bühne

Showgirl 4 ist für Mitterhuemer weit mehr als ein Sportpferd. Sie hat die Stute selbst gezüchtet, vom ersten Tag an begleitet und ausgebildet. Entsprechend emotional war der erste internationale Erfolg. „Das ist nicht einfach nur ein Pferd. Das ist eine Lebensgeschichte. Dass ein selbst gezüchtetes Pferd auf internationaler Bühne so für einen kämpft und alles gibt, ist unbeschreiblich.“

Showgirl 4 sei schon immer ihr Herzenspferd gewesen, auch wenn nicht alle dieses Potenzial sofort erkannt hätten. „Sie war schon als junges Pferd unglaublich cool und lernwillig. Sie kann richtig Gas geben. Ich habe schon früh gespürt, dass sie etwas ganz Besonderes ist.“

Nur ein Jahr nach ihrem internationalen Debüt folgt bereits der bisherige Höhepunkt: die Teilnahme an den Weltmeisterschaften in Aachen – jenem Ort, von dem Generationen von Reiter:innen träumen. „Vor einem Jahr haben wir noch darüber gescherzt, dass wir irgendwann einmal nach Aachen fahren. Hätte mir damals jemand gesagt, dass das wirklich passiert, hätte ich ihn wahrscheinlich laut ausgelacht. Und jetzt geht es bald los. Ich muss sagen, etwas aufgeregt bin ich schon.“

Erst kurz vor der Abreise sei ihr die Dimension dieses Erfolgs wirklich bewusst geworden. „Lange war Aachen für mich noch weit weg. Aber inzwischen wird es immer realer. Dass ich mit meiner Geschichte und meinem selbst gezüchteten Pferd tatsächlich an einem der traditionsreichsten Orte des Pferdsports starten darf, ist ein riesengroßes Abenteuer.“

Lernen von einer Legende

In Aachen wird Mitterhuemer erstmals gemeinsam mit Österreichs erfolgreichstem Para-Dressurreiter Pepo Puch in einem WM-Team stehen. Für die Steirerin ist das etwas ganz Besonderes. „Pepo war für mich immer eine lebende Legende. Ihn jetzt nicht nur zu treffen, sondern gemeinsam mit ihm in einem Team zu sein, ist unglaublich. Er und die anderen im Team geben einem so viel Sicherheit und unterstützen einen in jeder Situation.“

Besonders beeindruckt zeigt sich Mitterhuemer vom Zusammenhalt im Para-Team. „Ich hatte anfangs schon Angst, wie ich mit meinen Einschränkungen aufgenommen werde. Aber alle waren von Beginn an unglaublich herzlich. Es gibt keine Vorbehalte, sondern ganz viel Unterstützung. Dass ich nun mit so erfahrenen und erfolgreichen Reiter:innen in Aachen antreten darf, gibt mir zusätzlich Sicherheit.“

Sportlich geht die 32-Jährige ohne übermäßigen Druck in ihre erste Weltmeisterschaft. Gemeinsam mit Showgirl 4 möchte sie vor allem ihre Leistungen bestätigen und weitere wertvolle Erfahrungen sammeln. „Unser größtes Ziel ist, gesund anzukommen und dieses Abenteuer zu genießen. Wenn wir unsere bisherigen Leistungen bestätigen und vielleicht noch den einen oder anderen kleinen Schritt nach vorne machen können, wäre ich schon sehr glücklich.“
Mit Rang 78 der FEI-Weltrangliste gehört Julia Mitterhuemer bereits jetzt zu den stärksten österreichischen Para-Dressurreiter:innen. Viel wichtiger als Zahlen ist für sie aber etwas anderes: die besondere Verbindung zu ihren Pferden. „Wenn es mir einmal nicht gut geht, gehe ich einfach in den Stall. Oft reicht es schon, wenn eines meiner Pferde den Kopf auf meine Schulter legt. Dann weiß ich wieder, warum ich das alles mache.“

Mit ihrer Geschichte zeigt Julia Mitterhuemer eindrucksvoll, wohin Leidenschaft, Beharrlichkeit und die besondere Verbindung zwischen Mensch und Pferd führen können. In Aachen geht für die Steirerin ein Traum in Erfüllung – und vielleicht ist es erst der Anfang einer außergewöhnlichen Karriere.

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